Standardsätze in Verhüllungsdiskussionen:
Die sollen sich anpassen.
Wenn wir in der Türkei eine Moschee besuchen wollen, müssen sich unsere Frauen verschleiern.
Die Frauenrechte werden durch ein Verbot der Vollverschleierung gestärkt.
Es ist eine schwierige Diskussion. Und ich möchte gleich zu Beginn dieses Posts klar sagen, dass ich alles andere denn ein Fan dieser Verhüllung bin. Wenn es nach mir geht, soll sich jeder und jede so anziehen können, wie es ihm oder ihr gefällt. Aber schon dieser Satz führt natürlich zum ersten Widerspruch. Was, wenn eine Frau diese totale Verhüllung wirklich will? Was, wenn sie bei Nichtbefolgung des Gebots ihres Mannes oder möglicherweise eines sonstwie autoritären Organs bestraft wird? Was, wenn sie sich ohne die Verhüllung unwohl fühlt?
Ist es nicht irgendwie arrogant, unsere Bekleidungskultur einfach über alle anderen zu stellen und sie zur Normalität zu erklären? Und vor allem: Hilft es dem Diskurs mit und letztlich der Integration von diesen Gruppen, wenn wir Verbote aussprechen? Und – damit wird ernsthaft argumentiert – verhindern wir damit irgendwelche Terroranschläge?
Es braucht wohl keine komplizierten Gedankengänge, um zu verstehen, dass wir den erklärten Zweck mit einem Verbot nicht erreichen werden. Das führt mich zu einem kurzen, leicht bösartigen Zwischengedanken: Ist der wahre Zweck eines Verhüllungsverbotes für das Gesicht nicht ein anderer? Stört uns nicht schlicht die gut sichtbare Andersartigkeit jener Menschen, die sich dann eben so verhüllen? Ich habe schon oft erlebt, dass sich Menschen über orthodoxe Juden lustig gemacht haben. Die sollen doch diese doofen Zöpfe abschneiden. Und überhaupt, was sollen diese komischen Hüte? Dass unsere Klosterfrauen und Mönche ebenso eine Uniform tragen, wird da gerne vernachlässigt. Auch, dass man noch vor 25 Jahren viele Bauernfrauen mit Kopftüchern auf den Feldern sah. Obwohl wir so gerne Offenheit propagieren frage ich also: Sind wir es denn wirklich? Oder sind wir nur gegenüber jenen offen, die so sind wie wir? Könnte es nicht sein, dass sich die Verbotsforderer einfach generell an der immer reisefreudiger werdenden arabischen Welt stören? Ist der Zweck nicht einfach simpel jener, dass diese Menschen nicht mehr zu uns kommen, damit wir sie nicht mehr anschauen müssen, da sie ja so ganz anders sind als wir?
Ich gestehe, das sind Unterstellungen niederer Absichten. Aber ich habe in den letzten Jahren so viel an solchem Gedankengut erlebt, dass mich nichts mehr überraschen würde. Auch nicht von Linken und auch nicht von einer Mehrheit der Bevölkerung bei einer Abstimmung.
Es verwirrt mich halt auch, dass gerade jene sich so vehement für die «Rechte der Frau» einsetzen, die Frauen am liebsten am Herd oder dann in Bikinis sehen. Es sind jene Männer, die sich früher bestimmt auch gegen das Frauenstimmrecht eingesetzt hätten und heute gegen die bösen Feministinnen wettern. Dass sicher gerade sie für die Frauenrechte einsetzen, mag ich nicht wirklich glauben.
Es verwirrt mich weiter, dass sich immer mehr Linke der offenbar populären Meinung, man müsse die Vollverschleierung verbieten anschliessen. Ich denke aber, dass dies schlicht damit zu tun hat, dass sich jene Exponenten für neue Wählerschichten wählbar machen möchten.
Nun mag mancher sich fragen, wie lösen wir denn nun dieses Problem? Ich frage gerne zurück: Welches Problem? Ist es nicht eine Errungenschaft der letzten Jahre, dass Menschen aus jenen Ländern zu uns reisen? Ist es nicht unsere einmalige Chance, ihnen unsere Offenheit, unsere liberalen Werte, ja schlicht unseren Lebenstil zu zeigen? Und wenn wir ein Interesse daran haben, dass sie ein bisschen mehr werden wie wir… ist das nicht genau dann am wahrscheinlichsten, wenn wir sie hier und jetzt mit Argumenten überzeugen? Wenn Offenheit und liberales Gedankengut unsere Stärken sind, wie kann dann gerade ein Verbot, das individuelle Freiheit einschränkt diese Dinge verbreiten helfen?
They who can give up essential liberty to obtain a little temporary safety, deserve neither liberty nor safety.
Ja, das über 200 Jahre alte Zitat von Benjamin Franklin mal wieder. Manche Dinge ändern sich eben nicht. Und ich möchte jeden Verbotsforderer dazu auffordern, sich zu überlegen, was er mit dem Verbot wirklich erreichen möchte. Dann sollte er sich die Folgefrage stellen, ob das Verbot zur Erreichung des Ziels wirklich förderlich ist. So wie ich es sehe, bewirkten wir mit einem Verbot der Verhüllung genau das Gegenteil. Wir zeigen einmal mehr unsere kulturimperialistische Seite, die ganz bestimmt nicht zur Verbreitung des westlichen Lebensstils beitragen wird. Ebenso wie bei Diskussionen über das Judentum ist auch beim Islam Kritik erlaubt. Es gibt keinen Grund, die massiv einseitigen Kleidervorschriften oder andere Regeln dieser Religion nicht zu kritisieren. Bereits gibt es ja auch innerhalb der durchaus heterogenen Gemeinschaft durchaus Strömungen, die sich gegen den Zwang zur Verhüllung der Frauenköpfe einsetzt.

I decided to stand by my niece and wear the hijab because the truth is I don’t want anyone to take my freedoms away from me. I can’t be indifferent to the violation of freedoms of half of my people.
Unter dem Hashtag #MenInHijab finden sich iranische Männer, die im Kopftuch neben ihren Frauen (oder eben Nichten) stehen. Die Frauen zeigen dabei ihre Haare. Es ist also nicht so, dass es innerhalb jener Kultur keine Diskussion und keine Auflehnung gäbe. Denn ein solcher Akt ist in einem Land wie dem Iran, wo das Kopftuch für die Frau Vorschrift ist schon ziemlich mutig. Er dürfte aber auf die muslimische Welt einen viel grösseren Effekt in die «richtige» Richtung haben, als ein Verbot der Verhüllung bei uns. Dieses quasi selbstentdeckte oder sogar selbsterkämpfte Freiheit ist viel mehr wert als jene, die wir in Form eines Verbotes aufzuzwingen versuchen. (Ignorierend, dass ein Verbot wohl in den seltensten Fällen Garant für Freiheit ist)
Ja… können wir nun also gar nichts tun, um gegen die Verhüllung der Gesichter der Frauen vorzugehen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass unsere Mittel, die wirklich nachhaltig einen guten Effekt hätten sehr beschränkt sind. Aber, es gibt sie doch. Ich kann mich erinnern, wie ich im Hotellift in Istanbul auf dem Weg zum Zmorge ein Paar aus dem arabischen Raum angelächelt hatte. Als mein Lächeln erwidert wurde, fragte ich (natürlich den Mann…) woher sie denn kommen würden. Etwas überrascht antwortete er freundlich, dass sie aus Saudi Arabien angereist seien und nun Istanbul erkunden würden. Und, was soll dieses Smalltalk-Minigespräch nun gebracht haben? Wahrscheinlich nichts. Aber ich glaube, nur wenn wir ohne Groll und negative Vorurteile auf diese Menschen zugehen, haben wir eine Chance, unsere Offenheit auf sie zu übertragen. Natürlich ist das Gutmenschenlogik at its best. Aber seien wir ehrlich, welche anderen Mittel versprechen ernsthafte Aussicht auf Erfolg? Eben. Mit Verboten werden wir nichts erreichen ausser negative und kontraproduktive Effekte. Mit Freundlichkeit, Offenheit und Gesprächsbereitschaft haben wir die Chance, bei den Menschen, die hierher kommen, etwas zu ändern. Nutzen wir sie.
Fazit: Ich bin der liberalen Überzeugung, dass es schlecht ist, wenn Frauen ihr Gesicht oder auch nur schon ihre Haare verhüllen müssen. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass ein Verbot des entsprechenden Kleidungsstück in höchstem Masse unliberal, kontraproduktiv und arrogant ist.
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Noch ein paar Worte zu den eingangs eingeworfenen Standardsätzen:
Die sollen sich anpassen. An was genau sollen sie sich anpassen? An unsere Offenheit, unsere individuelle Freiheiten, unser liberales Gedankengut? Und diese Anpassung wollen wir mit einem Verbot erreichen? I don’t think so. Verordnete Anpassung bringt rein gar nichts.
Wenn wir in der Türkei eine Moschee besuchen wollen, müssen sich unsere Frauen verschleiern. Korrekt. Und wenn ich im Vatikan den Petersdom besuche, sollten Schultern und Knie bedeckt sein. What’s the fuckin› difference?
Die Frauenrechte werden durch ein Verbot der Vollverschleierung gestärkt. Wenn es so einfach wäre. Ich stelle eine Gegenfrage: Verschlechtert ein Kopftuchgebot im Iran (auch für Besucherinnen aus dem Westen) die Frauenrechte hier? Eben.





