Zweifel an der Elektromobilität

Am Mittwoch 8. Juni 2022 war ein denkwürdiges Datum. Das EU-Parlament hat beschlossen, ab 2035 keine Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen mehr zuzulassen, die Treibhausgase emittieren. In 13 Jahren dürfte es dann auch in der Schweiz schwierig werden mit den Verbrennern. Denn es ist nicht anzunehmen, dass die Hersteller für unser kleines Land inmitten von Europa noch Verbrenner liefern werden. Der Trend geht ja sowieso seit Jahren in Richtung Elektro. Trotzdem erlebe ich in Gesprächen immer wieder massive Zweifel an der Elektromobilität. Lasst uns die Argumente, Fragen und Antworten anschauen.

Stellvertretend hier ein Leserbrief aus der AutoBild vom 2.6.2022:

Die Entwicklung ist in den Kinderschuhen

Das würde ich aus verschiedenen Gründen bestreiten. Das Elektroauto war schon vor 100 Jahren sehr verbreitet. Erst danach begann der grosse Siegeszug der Verbrenner, der bis heute andauert. Momentan schwächt er sich ab, aber noch immer machen Elektroautos nur knapp 20% an den Verkäufen in der Schweiz aus. Das Angebot wächst stetig, was für eine weitere Verbreitung wichtig ist. Es gibt noch Segmente, die praktisch unbesetzt sind. So gibt es gerade einen einzigen Hersteller, der einen Kombi anbietet. Das ist die früher englische und heute chinesische Marke MG.

Die Entwicklung schreitet voran, Reichweiten und Ladegeschwindigkeiten wachsen. Das Gewicht der Batterien soll in den kommenden Jahren weiter sinken. Trotzdem sind auch die heute angebotenen Fahrzeuge schon auf einem sehr hohen und durchaus empfehlenswerten Entwicklungsstand. Das durfte ich bei meinem Test des Cupra Born einmal mehr feststellen. Der schaut nicht nur gut aus, er funktioniert auch im Alltag und bietet genügend Platz. Ähnliches gilt für den Renault Megane Electric, dessen Test noch aussteht.

Die Verbrauch an Grauer Energie ist höher als bei einem Verbrenner

Das Spannenste an diesem Argument ist für mich die Gegenfrage: Warum haben wir über Jahrzehnte nie über die Graue Energie in «normalen» Autos gesprochen? Natürlich steckt auch in einem Verbrenner ganz schön viel davon. Je nach Berechnung schneidet das Elektroauto ein bisschen oder sehr viel schlechter als ein Verbrenner ab. Dieser Nachteil wird über die Jahre des Gebrauches wieder ausgeglichen. Die Dauer ist dann abhängig von verschiedenen Faktoren, hauptsächlich natürlich von der Art, wie der verwendete Strom hergestellt wird.

Die Akkus können auch rezykliert werden. Sie bekommen ein zweites Leben als «Hausbatterie» oder als Pufferbatterie zum Ausgleich von Laststpitzen.

Wie ist die Ökobilanz von E-Fahrzeugen? - Faktencheck Energiewende
Quelle: https://faktencheck-energiewende.at/fakt/wie-ist-die-oekobilanz-von-e-fahrzeugen/

Was ist denn mit den E-Fuels?

Tja, E-Fuels sind von der EU-Massnahme ebenfalls betroffen. Mir scheinen diese künstlich hergestellten Treibstoffe wie der letzte Hoffnungsschimmer der unverbesserlichen Petrolheads, doch noch Benzin verbrennen zu können. Klingt zu gut um wahr zu sein? Ist es auch. Focus hat es in einem Artikel in einem kleinen Abschnitt perfekt gesagt:

Momentan sind diese Treibstoffe noch so teuer, dass sie nicht mit den Fossilen mithalten können. Und ja, bei der Verbrennung von E-Fuels fallen nun mal die gleichen Emissionen an, wie das bei konventionellem Benzin der Fall ist. Dazu kommt dann noch der im Vergleich um Elektromotor schlechte Wirkungsgrad des Verbrennungsmotors…. Insofern können E-Fuels für das eigentliche Problem unmöglich die Lösung sein.

Elektroautos sind hässliche Verzichtsmobile

Das mag zu Zeiten des City-EL oder des Twike gestimmt haben, aber heute? Und ja, Tesla ist jetzt rein optisch auch nicht so meins. Aber… schon mal einen Porsche Taycan oder einen Audi e-tron GT gesehen? Oder was ist mit dem Hyundai Ioniq 5, dem Genesis GV60 oder dem Kia EV-6? Auch ein Audi Q4 e-tron oder ein Cupra Born schaut doch recht anständig aus. Bei den Limousinen gibt es den Lucid Air bald auch bei uns. Bis dahin muss man sich mit dem EQS von Mercedes begnügen.

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Lucid Air

Die Reichweite reicht nicht

Das mag stimmen, wenn man täglich von hier nach Rom und zurück fahren möchte. Aber wer macht das? Richtig: Niemand. Im Alltag reichen die Reichweiten von Elektroautos schon jetzt gut, wenn man zuhause aufladen kann. Denn dann hat man jeden Morgen 250 – 450 Kilometer zur Verfügung, natürlich abhängig von der Batteriegrösse und vom eigenen Fahrstil. Durchschnittlich legen wir täglich 37 Kilometer zurück. Natürlich führt auch mal eine Fahrt in die Berge oder ans Meer. Die Ladeinfrastruktur in der Schweiz ist inzwischen aber schon so gut, dass man längere Trips im Inland absolut bedenkenlos mit dem Elektroauto angehen kann. Wer Auslandreise plant, sollte sich die entsprechenden Lademöglichkeiten anschauen.

Meine Erfahrungen mit den Testwagen: Mit dem Cupra Born kam ich über 300 Kilometer weit, mit dem Kia EV-6 370 Kilometer und mit dem Ford Mustang Mach-E sogar 470 Kilometer. Auch der inzwischen in die Jahre gekommene Jaguar I-Pace kam auf über 300 Kilometer.

Cupra Born

Rohstoffe werden unter schlimmen Bedingungen abgebaut

Das hat zumindest teilweise gestimmt, insbesondere für Kobalt. Doch bereits jetzt gibt es Hersteller, die gänzlich auf Kobalt verzichten. Und auch hier sei eine «Whataboutism»-Gegenfrage erlaubt: Schon mal ein Ölfeld gesehen? Die Arbeitsbedingungen und vor allem die Schäden an der Landschaft scheinen mir auch nicht besonders positive Aspekte zu sein. Doch auch hier: Man spricht solche Dinge nur beim Elektroauto an. Der althergebrachte Verbrenner wird nicht hinterfragt.

Der oben gezeigte Leserbrief bringt in diesem Zusammenhang noch eine weitere Komponente mit ein: Es wird unterstellt, «die Politik» verschweige absichtlich, wie die Rohstoffe abgebaut würden. Spätestens seit Corona wissen wir, dass tatsächlich hinter jedem Baum ein Verschwörungstheoretiker steckt. Das geht natürlich auch in die andere Richtung. Denn was die Öllobby gegen das Aufkommen der Elektroautos unternommen haben mag, wird beispielsweise im Film Who killed the electric Car pointiert dargestellt.

Prime Video: Who Killed The Electric Car?

Warum fährst Du kein Elektroauto?

Gute Frage. 😉 Momentan sind es vor allem zwei Gründe, weshalb ich noch «klassisch» unterwegs bin. Ich kann in der heimischen Garage nicht laden. Den Vermieter habe ich vor 1,5 Jahren angefragt, ob man eine Wallbox installieren konnte. Bis jetzt ist noch nichts passiert. Der zweite Grund hat damit zu tun, dass ich gerne ein kleines Auto fahre, weil ich die allermeiste Zeit alleine drin sitze. Gleichzeitig möchte ich aber ein Fahrzeug, das mir Spass bereitet. Diese Kombination scheint es mir momentan noch nicht zu geben. Allenfalls wären der Honda e oder der BMW i3s mögliche Varianten, doch die haben beide tatsächlich eine sehr kleine Reichweite. Sie liegt bei etwa 150 – 200 Kilometer.

Ein Punkt, der mir tatsächlich zu denken gibt: Die drohende Stromlücke und die parallel dazu nur begrenzt vorhandene Bereitschaft, die nicht fossile Stromherstellung massiv auszubauen.

Eine Antwort auf „Zweifel an der Elektromobilität“

  1. «Der zweite Grund hat damit zu tun, dass ich gerne ein kleines Auto fahre, weil ich die allermeiste Zeit alleine drin sitze. Gleichzeitig möchte ich aber ein Fahrzeug, das mir Spass bereitet»

    Also eigentlich produziert ja jedes Elektroauto mehr Fahrspass als ein äquivalenter Benziner, vor allem wenn die Ampel grün wird und man alle anderen stehen lässt. Und mit Optionen wie dem Peugeot e-208 oder dem Fiat 500 gibt’s auch bei den sehr kompakten recht hübsche Optionen.

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