Lasst uns den Gender-Wahnsinn stoppen

Ok, ein bisschen Clickbait, ich geb’s ja zu. Wer nur des Titels wegen hier gelandet ist, scrollt am besten zum allerletzten Abschnitt dieses Beitrags. Für alle anderen gibt’s zu Beginn etwas Einbettung: In den letzten Wochen kamen mir immer mal wieder Genderthemen unter. Und wie das so ist, wenn mich ein Thema umtreibt, „muss“ ich irgendwann darüber bloggen. Gerade auch, weil mich Sprache schon immer fasziniert hat. Der Aufhänger dafür ist mitunter mein eigener Tweet:

Tatsächlich gibt es Worte wie «das Mitglied», wo ich selbst nicht genau verstehe, weshalb man eine weibliche Form zu konstruieren versucht. Doch hier soll es nicht um solche Auswüchse, sondern um den wirklich drängenden Part der Gendersprache gehen.

Neue Argumentationslinie

Insbesondere von rechter Seite wird Stimmung gegen das Gendern gemacht. Sind das etwa schon Vorboten für die Abstimmung über die Ehe für alle? Vor allem ist mir aufgefallen, dass man auf der Verweigerungsseite eine neue Argumentationslinie fährt.

Es wird also so getan, als ob man ja eigentlich wirklich alle in der Sprache integrieren möchte. Und das möchte man (oh Wunder) mit dem in der deutschen Sprache verbreiteten generischen Maskulinum erreichen. Sprich: Man nennt Lehrer, Studenten, Ärzte und meint die weiblichen Vertreter mit. Von anderen Geschlechtern schreibe ich hier absichtlich nicht, denn denen wird von jener Fraktion meist jegliche Existenz abgesprochen.

Mich erinnert das immer ein wenig an die Geschichte der Demokratie. Natürlich mit spezifischem Bezug auf die Geschlechterrollen. Und darum muss ich an dieser Stelle ein wenig ausholen. Ok, nicht nur ein wenig.

Die Geschichte der Demokratie

Welches ist die älteste Demokratie der Welt? Richtig, Griechenland. Man mag sich das heute malerisch vorstellen: Alle Griechinnen und Griechen einer Polis auf einem grossen Platz und gemeinsam wird bestimmt, wie man welche Probleme löst. Die Realität sah ganz anders aus. Natürlich waren Frauen komplett von der Entscheidfindung ausgeschlossen, so aber auch Sklaven und Arbeiter. Nur „Bürger“ waren überhaupt zugelassen. Nun mag man einwenden, ok, das war vor 2000 Jahren.

Wer sich in der Geschichte der Schweiz nur ein kleines Bisschen auskennt, weiss natürlich, dass wir bereits 1893 über die erste Volksinitiative – nämlich das Schächtverbot – abgestimmt haben. Seit der Teilrevision der Verfassung von 1848 im Jahre 1891 ist dies überhaupt möglich. Und wer hat darüber abgestimmt? Richtig, die Männer. Das war noch bis 1971 so, als endlich durchkam, was 1959 noch mit zwei Drittel der Stimmen abgelehnt wurde. Das Frauenstimmrecht.

Schon damals hiess es, das brauche es doch nicht, teilweise sogar von Seiten der Frauen. Würden wir das heute immer noch sagen? Wohl eher nicht. Weil wir uns entwickeln und mit uns die Sprache.

Und was soll dieser Ausflug nun? Meine Ansicht: Genau wie die Bürger der Polis nicht die ganze Polis vertraten und so wie die männliche Bevölkerung im mündigen Alter nicht das Schweizer Volk vertreten hat, genausowenig meint man eben Ärztinnen mit, wenn man Ärzte schreibt. Und selbst wenn man es meinen würde, dürften sich jene nicht angesprochen fühlen.

Die Idee dahinter

Es geht also genau nicht darum, zu segmentieren oder auszuschliessen. Die Inklusion und das Ansprechen aller Geschlechter ist das Ziel. Die Sendung 10 vor 10 vom 6. Mai 2021 hat dem Thema einen Beitrag gewidmet, in dem mir eine Aussage besonders aufgefallen ist. Hier der ganze Beitrag (der betreffende Ausschnitt findet sich ca. bei 14:30):

Die freie Journalistin Claudia Wirz, die für die NZZ und den Nebelspalter schreibt, sagt dort folgendes:

„Die gendergerechte Sprache ist nicht nur einfach eine Form von Sprache, sondern dahinter streckt auch eine Ideologie. Und gerade an den Universitäten sollte man keine Ideologie betreiben.“

Claudia Wirz, freie Journalistin

Sie sagt ausserdem, dass sie sich auch durch das generische Maskulinum angesprochen fühle. Es war schon immer so, dass an Universitäten neue Dinge gedacht, Ideen entwickelt und neue Normen gestaltet wurden. Zudem sind gerade in wissenschafltichen Arbeiten die formalen Regeln schon seit langer Zeit ein mitbestimmendes Element des Genres. Wer sich schon einmal in einem Methodenseminar die Zähne daran ausgebissen hat, weiss, was ich meine. Dazu kommt: In einer sich entwickelnden Gesellschaft, entwickelt sich auch die Sprache. Oder hätte man vor 10 Jahren verstanden, was „on fleek“ meint? Eben.

Und weil sich langsam die Ansicht verbreitet, dass es neben Männern und Frauen noch andere Geschlechter gibt (was wissenschaftlich nicht wirklich umstritten ist [spektrum.de]), ist es nur logisch, dass dem auch in der Sprache der nötige Platz eingeräumt wird. Und das tun wir dann mit dem Gendersternchen. Oder?

Sternchen, Binnen-i und die Lesehygiene

Tatsächlich hat sich das Sternchen bei jenen Leuten weitgehend durchgesetzt, die auf gendergerechte Sprache zu achten versuchen. Daneben gibt es den Gendergap (also eine Lücke, die mit einem Unterstrich sichtbar gemacht wird) und neuerdings vielerorts den Doppelpunkt jeweils vor der weiblichen Form des Wortes. Also beispielsweise Anwält*innen, Anwält_innen oder Anwält:innen. Liest man dieses Wort laut, wird eine kurze Pause vor der weiblichen Endung gemacht, um das Gendersonderzeichen quasi hörbar zu machen. Das grosse i zwischen drin (AnwältInnen) integriert die nonbinären Menschen nicht, weshalb es hier als „veraltet“ bezeichnet werden muss. Mancherorts liest man, dass der Doppelpunkt besser computerlesbar sei als das Sternchen, womit er eher als barrierefrei bezeichnet werden könnte.

Und was ist nun mit der Lesehygiene? Ja, richtig, so ein Doppelpunkt in der Mitte eines Wortes fällt auf. Man stolpert darüber. Und es scheint (jedenfalls aus heutiger Warte) kaum denkbar, dass beispielsweise Songtexte, Gedichte oder Filmdialoge durchgegendert werden. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass im Arbeitsalltag, im Umgang mit Behörden oder in Nachrichten darauf geachtet wird, gendergerechte Sprache zu verwenden.

Das tut nicht weh. Echt nicht. Zeichen wie # und @ sind heute auch Teil von Texten und stören uns schon lange nicht mehr. Aber es scheint mir ähnlich, wie bei der Schokosüssigkeit von Dubler: Viele wollen vielleicht sogar Veränderung, sich selbst ein wenig anzupassen ist aber keine Option. Meistens hört man dann den Satz «also an diesem Sternchen, Wort oder wasauchimmer wird es ja nicht liegen». Die meisten Leute ändern sich nur äusserst ungern. Vor allem dann, wenn man ihnen sagt, sie sollen sich doch bitte verändern.

Muss ich das jetzt wirklich auch machen?

Naja, ich kann Dich nicht zwingen. Aber wenn Du lieber Teil der Lösung als des Problems bist, dann würde ich sagen: Give it a try! Und ja, ich scheitere auch noch daran, es wirklich durchzuziehen. Wahrscheinlich findet man sogar in diesem Text, ganz sicher aber in anderen auf meinem Blog Beispiele, in denen ich es nicht korrekt umgesetzt habe.

Und noch ein Tipp: Dass gerade jene Leute, die im alten Griechenland wahrscheinlich gedacht haben, es sei fair, nur Bürger teilnehmen zu lassen und die dann später auch gegen die Einführung des Frauenstimmrechts waren und die uns nun vorgaukeln wollen, sie würden mit der männlichen Form eben alle „mitmeinen“, sollte einen nachdenklich stimmen.

Darum würde ich wirklich sagen: Genderwahnsinn ist nicht, wenn man versucht möglichst alle in der Sprache miteinzubeziehen. Wahnsinn ist, wenn man es nicht tut.

4 Antworten auf „Lasst uns den Gender-Wahnsinn stoppen“

  1. „Die gendergerechte Sprache ist nicht nur einfach eine Form von Sprache, sondern dahinter streckt auch eine Ideologie. Und gerade an den Universitäten sollte man keine Ideologie betreiben.“

    Hinter der genderungerechten Sprache steckt auch eine Ideologie. Aber dem Fisch fällt das Wasser nicht auf. Wer jeden Tag in seiner Ideologie schwimmt, der verwechselt seine Position am Ende mit Neutralität.

  2. Hallo Amade, nur als Hinweis: Die Kommentare der User sind unter den Posts nicht ersichtlich. Es steht nur «1 Kommentar» aber der ist nicht ersichtlich. Gruess

  3. Lieber Amadé, ich störe nach wie vor (noch) an den *_: Unterbrechungen, insbesondere beim lauten Lesen. Solange sich kulturell zu wenig Einsicht breit macht, bringt es m.A.n. wenig, das Problem linguistisch lösen zu wollen. Bis es eine allgemeingebräuchliche (und im besten Fall vom Duden vorgeschlagene) Form gibt, versuche ich möglichst diskriminisierungsarm zu formulieren. Dass von «Genderwahnsinn» gesprochen wird, ist falsch, aber auch nicht verwunderlich. Wenn die (links-)liberale Polarisierung in diesem (wie auch in anderen Themen) eine Mehrheit von konservativ denkenden Menschen an den rechten Rand zu drängen versucht, ist diesem wichtigen Thema (und vielen weiteren) kein Dienst getan. Die Menschen sind nicht per se «rechts», nur weil sie die Gender- und Queer-Theorie nicht teilen. Wenn der «alte, weisse Mann» angefeindet und moralisch herabgewürdigt wird, ändert er seine Meinung nicht. Steter Tropfen höhlt den Stein und ich hoffe sehr, dass wir irgendwann kulturell und linguistisch allen Menschen gerecht werden. Tipp an alle «weissen, alten Männer», der Besuch in Bern lohnt sich für den nächsten Schritt: https://www.nmbe.ch/de/queer

    1. «Solange sich kulturell zu wenig Einsicht breit macht, bringt es m.A.n. wenig»

      Studien zu diesem Thema zeigen, dass Sprache direkt das Denken beeinflusst. Wenn Schulkinder aufgefordert werden, «Doktoren» und «Kindergärtnerinnen» zu zeichnen, dann zeichnen sie männliche Doktoren und weibliche Kindergärtnerinnen, weil es halt eben in der Realität nicht wahr ist, dass beim «Doktor» die «Doktorin» auch mitgemeint ist.

      Benutzt man neutrale Formulierungen, dann werden die abgebildeten DoktorInnen plötzlich weiblich, die KindergärtnerInnen männlich, und die Zukunftsperspektiven der Kinder vielseitiger.

      Und das ist genau der Grund, weshalb vielen die gendergerechte Sprache nicht passt: weil sie wissen, dass in der Sprache Macht liegt, und ihnen lieber wäre, wenn Doktoren Männer und Kindergärtnerinnen Frauen blieben.

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