Tja, nun ist es so weit. Nach Jahren der schreiberischen Untätigkeit, gibt es hier ein kleines Revival. Der Grund dafür ist kein schöner. Gewisse Reaktionen auf den Angriff Israels und der USA auf den Iran haben mich schockiert. Und ich bin der Überzeugung, dass der Ursprung jener Reaktionen im Kern auch ein (wenn nicht sogar der) Grund für die Existenz von Kriegen ist.
Was ist passiert?
Im Rahmen des Angriffs wurde der höchste geistliche Führer Irans, Ali Chamenei, gezielt getötet. Sein radikal konservatives Weltbild wurde mit härtester Hand verteidigt, wozu die Revolutionsgarden immer wieder auf blutige Art und Weise Proteste niederschlugen. Sein grosser Feind war der Westen und das mit ihm transportierte Weltbild. Für die Unruhen auf den Strassen machte er die Erzfeinde Israel und USA verantwortlich, die er mitunter als „kleiner und grosser Teufel“ bezeichnete.
Wie sah die Reaktion aus?
In meinem Instastoryfeed fand ich gleich zwei Mal eine repostete Story, die mich triggerte: Chamenei liegt in einer Mausefalle, die ihn symbolisch getötet hat. Darüber der Text „This is the End“ und die gleichlautende Songzeile aus Adeles „Skyfall“ ertönt auf der Audiospur. Auf das Posten des Screenshots verzichte ich mit Absicht.
Warum ist das problematisch?
Das Bild eines Menschen in der Mausefalle ist ein perfektes Beispiel für Entmenschlichung. Die Person nicht als Mensch, sondern als Maus (oder wahrscheinlicher: als Ratte) darzustellen, impliziert, dass man mit ihm bedenkenlos Dinge tun kann, die bei einem Menschen nicht ok wären. Sobald wir das Gegenüber nicht mehr als Mensch wahrnehmen, verliert er in unserem Verständnis gewisse (oder alle) Rechte. Hier primär das Recht auf Existenz oder Leben, aber offenbar auch auf seine Würde. Es handelt sich um eine Technik, die man aus den Zeiten des Nationalsozialismus’ kennt. Juden wurden vor allem vor dem Krieg häufig als Untermenschen oder dreckige Tiere (Ratten o.ä.) bezeichnet.
Wie habe ich die Story kommentiert?
Ich habe beiden Absender:innen der Stories den gleichen kurzen Kommentar geschrieben: Sich über den Tod eines Menschen lustig zu machen ist nie ok. Während der eine Account (3000 Follower:innen) seinen Post verteidigte, ging der andere (103’000 Follower:innen) in den Gegenangriff über. Die etwas kruden Vorwürfe des zweiten Accounts erspare ich meinen Leser:innen. Je einen Screenshot pro Account gibt’s hier aber doch:


Der zweite Screenshot stammt von einer Story, die zwei Tage nach unserem Austausch gepostet wurde. Ich gehe aber davon aus, dass sie auf mich gemünzt ist.
Was ist der Kern der Sache?
Im Moment, in dem wir unserem Gegenüber mit dem Werkzeug der Entmenschlichung seine Rechte absprechen, verlieren alle. Auch wir. Warum? Diese Sichtweise ermöglicht grausame Taten, die dann „problemlos“ zu rechtfertigen sind. Schliesslich war das Opfer ja „kein Mensch“. Doch ein Blick auf die UN-Menschenrechtskonvention verrät: Genau das ist im Prinzip gar nicht möglich. Wobei die Liste jener Länder, die keine Unterschrift unter die Konvention gesetzt haben, aufhorchen lässt: der Vatikan, die Islamische Republik Iran, Somalia, der Sudan, Niue und Tonga. Ob sie wirklich Mühe mit dem ersten oder dritten Artikel hätten? Möglicherweise.
- Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.
- Artikel 3: Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
Ich bin aber überzeugt davon, dass dies nicht westliche Werte sind, sondern solche, auf die wir uns unter einem Schleier des Nichtwissens als Menschen immer einigen würden. Denn sie sind einfach einleuchtend und zum Vorteil aller. Sie sind quasi das Gegenteil dessen, was Entmenschlichung macht. Und genau deswegen sind sie so wichtig und aktuell. Als Verfechter:in der Menschenrechte hier, in Israel und auch im Iran das am Anfang erklärte Bild zu posten, ist aus meiner Sicht daher höchst widersprüchlich, zynisch und dumm.
Peace.







