Vor ein paar Tagen schrieb Thomas Benkö im Blick am Abend über die Oris Depth Gauge. Eine Uhr, die dank Loch gleichzeitig eine Art Tiefenmessgerät ist. Auf den Artikel wurde ich durch einen Tweet aufmerksam, den Blick am Abend lese ich in aller Regel nicht. Ich fand dann, dass dies kein redaktioneller Beitrag, sondern eher eine kaum getarnte Publireportage sei. Für meinen Geschmack viel zu unkritisch warb Benkö mit dem Text implizit für die Uhr, die mit ihrem Preis von 3000 Franken wohl eher ausserhalb der Reichweite der üblichen Zielgruppe der Gratiszeitung liegen dürfte. Im Artikel selbst wurden die Kosten nicht einmal erwähnt.

Szenenwechsel: In einer Diskussion beim #twwf, einem Reallifetwittertreffen zur Feier des 10’000 Followers von WWF Schweiz, kamen wir auf die Neutralität von Journalisten zu sprechen. Als gesagt wurde, dass Autojournalisten sowieso die schlimmsten seien, konnte ich dann natürlich nicht mehr einfach nur still da sitzen. Ich meinte, dass ich das früher auch gedacht hätte, meine Meinung aber inzwischen geändert habe. Schliesslich sagte ich, dass ich auch selbst Autos teste. Sofort folgte die Frage, wie oft ich denn für die Testwagen schon bezahlt hätte. Natürlich noch nie. Na also, ein wirklich neutraler Test sei doch nur möglich, wenn man das Auto selbst gekauft habe.
Mein Punkt, dass man nur weil man etwas gratis testen dürfe, nicht automatisch unkritisch ans Werk gehen müse, wurde ignoriert. Ich denke, man kann unmöglich verlangen, dass alle Testobjekte jeweils käuflich erworben werden. Freischaffenden Journalisten würde man die Arbeit mit dieser Auflage wohl ganz verunmöglichen. Aber auch grosse Redaktionen hätten wahrscheinlich Mühe, wenn für einen Sportwagenvergleich je ein Porsche 911 Turbo, ein Audi R8 und ein Lamborghini Gallardo gekauft werden müssten.
Wichtig ist doch vielmehr, dass Transparenz herrscht. Der Begriff ist zwar etwas strapaziert, aber hier halte ich ihn für passend. Wenn klar ist, dass man halt nach Berlin eingeladen wurde, um den neuen VW Polo zu testen, kann man trotzdem ein kritisches Urteil über den Kleinwagen abgeben und der Leser ist über die Umstände informiert. Und nur weil ich gratis einen Abarth 595 teste, finde ich ihn noch lange nicht besser, als wenn ich ihn für mich gekauft hätte. Und: Wenn man alle Testwagen gratis zur Verfügung hat, sehe ich nicht, welchen Vorteil das für ein einzelnes Modell noch haben könnte.

Selbst wenn ich hier auf dem Blog mit einem Beitrag für eine App von Swisscom werbe, bedeutet das noch lange nicht, dass ich der Quasi-Monopolistin nicht kritisch gegenübertreten würde. Im meinem Fall war es ja sogar so, dass ich nur Tage vor dem Beitrag über iO noch fragte, warum überhaupt noch jemand mit der Swisscom telefoniere.


Ich gebe zu, die schweizerische und auch die deutsche Presse sind in der Regel etwas zu nett in solchen Dingen. Gerade bei Printpublikationen ist es halt so, dass der Inseratemarkt noch immer recht wichtig ist und man möglicherweise auf die Inserenten Rücksicht nimmt. Dadurch getraut man sich eventuell nicht, Kritik im angebrachten Mass zu üben. Trotzdem ist das Pauschalurteil gegenüber den Autojournalisten verfehlt. In den Zeitschriften, die ich lese, stelle ich allenfalls leichte Bevorteilungen der jeweils einheimischen Marken fest. Bei zündung.ch orientieren wir uns an den englischen Magazinen wie Top Gear und vor allem Car Magazine, wo in Sachen Kritik praktisch Narrenfreiheit herrscht. Nur so kann die Leserin die für sie notwendigen Schlüsse aus unseren Fahrberichten ziehen.