Das ganze Rassismusthema lässt mich nicht mehr los. Einerseits freue ich mich, dass wir darüber sprechen. Andererseits stelle ich schon fest, auf wie wenig Verständnis man teilweise trifft. Und vor allem auch: Auf wie wenig Willen, gewisse Dinge zu ändern. Ziemlich erschreckt hat mich der Artikel von Peter Achten auf journal21. Ich kann ihn einfach nicht unkommentiert lassen. Blau hinterlegt jeweils der Teil aus Achtens Artikel, darunter meine zugehörige Antwort.

Schon der Einstieg ist natürlich falsch. Niemand behauptet, Schweizer, Europäer und Amerikaner seien ausnahmslos Rassisten. Aber: Es gibt Rassismus. Überall. Schon der Einstieg zeigt mir aber, dass sich Achten offensichtlich getroffen fühlt. Ein Faktor, der nicht seine besten Fähigkeiten zum Vorschein bringt.
Der Begriff der «Mainstream-Medien» wird meistens von Leuten benutzt, die eine Verschwörung hinter den Medienanstalten vermuten. Das möchte ich Achten zwar nicht unterstellen, trotzdem verwundert mich der Ausdruck bei einem Experten wie ihm. Und ja, ich habe die Medien in den letzten Wochen mit Fokus auf dieses Thema beobachtet. Ich habe nicht den Eindruck gewonnen, dass irgendwer geäussert hätte, die Schweiz sei voller Rassismus.

Meine Schulzeit ist deutlich weniger lange her. Vielleicht hat Peter Achten ein speziell gutes Gedächtnis. Mir ist aus dem Geschichtsunterricht nicht geblieben, dass die Abgründe der Sklaverei ausführlich beleuchtet worden wären.

Der erste Teil dieses Abschnitts klingt für mich nach «ich habe nicht und er hat im Fall auch!». Es ist klar, dass Sklaverei keine rein europäische Idee war.
Zu sagen, die BLM-Bewegung habe in Afrika nichts ausgelöst, ist sicher falsch. Denn es gab auch in Südafrika Demonstrationen unter diesem Motto. Der Grundfehler passiert aber schon dann, wenn man «Afrika» als quasi ein einziges Land betrachtet, was ich Achten generell nicht unterstellen würde. Hier tut er es aber für seinen (falschen) Punkt dennoch.
Dann das Ruanda-Argument. Es ist der Hauptgrund für meine Auseinandersetzung mit dem Artikel. Achten verwendet es, um zu beweisen, dass es auch unter Schwarzer Rassismus gibt. Schon ein kurzer Blick auf den entsprechenden Eintrag bei Wikipedia zeigt, dass dies deutlich zu kurz greift. Wenn man es überspitzt ausdrücken möchte, waren es die Kolonialmächte, die gesellschaftliche Strukturen für sich zu nutzen wussten, indem sie die eine Gruppe extrem bevorteilten. Ich bin sicher, Achten weiss das, darum enttäuscht es umso mehr, dass er dies so unkommentiert einfliessen lässt.
Dann nochmals ein Blick in unsere Schulzeit. Ich bin mir ziemlich sicher, in keiner einzigen Geschichtsstunde je über die Verstrickungen der Schweiz mit dem Thema Sklaverei gehört zu haben.

Und es gibt ihn doch, den Punkt, bei dem ich Achten beipflichten muss. Ich halte wenig davon, sämtliche Statuen von den Sockeln zu reissen. Ein aktiver Diskurs soll aber stattfinden. Und statt purer Verherrlichung ist eine kritische Auseinandersetzung mit den (praktisch ausnahmslos) männlichen Statuen sicher angebracht.

Der erste Teil des Abschnittes geht in Ordnung. Dass die Frage auf Schwarz und Weiss reduziert wird, stimmt selbstverständlich nicht. Und die Arena Nummer 2 («Jetzt sitzen wir an einen runden Tisch») zum Thema war natürlich nicht rassistisch zusammengesetzt. Erstens waren mehrere Menschen mit asiatischem Background mit dabei (darunter mit Ganga Jey Aratnam ein Mann, der mit seinen Voten jeweils viel Expertise beisteuerte) und zweitens war die Sendung eine Antwort auf die erste, wo Dunkelhäutige entgegen dem Titel unterrepräsentiert waren. (Link zur ersten Arena «Jetzt reden wir Schwarzen») Weiter kam das Thema ja wegen der BlackLivesMatter-Proteste in den USA überhaupt erst auf die Agenda. Zu keinem Zeitpunkt wurde der Eindruck erweckt, die dunkelhäutige Community hätte irgendeinen Exklusivheitsanspruch, was das Thema betrifft. Dass Achten hier derart undifferenziert argumentiert, ist sehr enttäuschend.

Hier ist Achten etwas auf der Spur. Solange wir uns im «Westen» als allen anderen Erdteilen überlegen betrachten, wird sich auch das entsprechende Verhalten gegenüber den von dort stammenden Menschen nicht gross verändern. COVID19 als «chinesische Krankheit» zu verstehen ist so offensichtlich falsch, wie damals die Bezeichnung «spanische Grippe».

Was Peter Achten mit diesem Abschnitt sagen will, ist mir ein bisschen rätselhaft. Er zeigt deutlich auf, dass es in China strukturellen Rassismus u.a. gegenüber dunkelhäutigen Menschen gibt.

Auch dieser Abschnitt zeigt deutlich, dass es in China strukturellen Rassismus insbesondere gegenüber Menschen vom afrikanischen Kontinent mit dunkler Hautfarbe gibt.

Dass es dort, wo es wenige Fremde gibt, am meisten Fremdenhass gibt ist keineswegs ein exklusives Phänomen. Das kennen wir in der Schweiz sehr gut, das stellt jeder fest, der sich mit entsprechenden Abstimmungen auseinandersetzt. Warum Achten nur von jenen ChinesInnen spricht, die es an die Universität schaffen und dort die «Überflieger» seien, bleibt sein Geheimnis. Ohne es genau zu wissen würde ich mal behaupten, dass längst nicht alle Auswanderer eine universitäre Karriere hinlegen, der Anteil dürfte im Gegenteil eher klein sein.

Wie gesagt, die einseitige Schwarz-Weiss-Polemik gibt es nicht. Sie wird aber vor allem von jenen Kräften immer wieder betont, die ein generelles Problem mit Political Correctness haben.
Dann macht Achten einen Denkfehler, der einem Mann wie ihm definitiv nicht passieren dürfte. Er meint, es brauche persönliche Erlebnisse, um zu begreifen, dass das Fremde nicht zwingend böse ist. Er schreibt es nicht ganz so, aber das ist der Hintergedanke. In einer aufgeklärten Welt ist diese Herangehensweise einigermassen anarchisch. Müssen wir auf dem Mond gewesen sein, um zu wissen, dass wir dort nicht atmen können? Müssen wir LSD konsumieren, um zu wissen, dass diese Droge unsere Sinneswahrnehmung massiv beeinflusst? Der lustigen Beispiele liessen sich noch viele finden, aber ich denke, die Aussage ist klar, oder? Es gibt Dinge, die man durchaus rational herleiten kann, ohne sie zuerst erleben zu müssen.

Fruchtlos? Dummdreist? Oder doch eher: Längst fällig? Ja, genau. Und, lieber Peter Achten, es ist nicht verboten, schlauer zu werden. Nur weil wir jahrzehntelang rassistische Begriffe in der Alltagssprache verwendet haben, heisst das nicht, dass wir diese nicht anpassen können. Im Gegenteil ist es ein schwaches Argument, etwas nur deshalb zu tun, weil man es ja schon immer so getan hat. Zudem sollte man dazu unbedingt das Interview mit Bernhard C. Schär lesen.
Dass alle Leben zählen, ist selbstverständlich. Dass es aber weltweit viele Orte gibt, wo man mit dunkler Hautfarbe schlechter behandelt wird, ist aber leider ebenfalls eine Tatsache. Und genau deshalb braucht es die #BlackLivesMatter-Bewegung.
Bitte geben Sie sich beim nächsten Text etwas mehr Mühe, sonst muss ich wieder so eine mühsame Sammlung von Antworten schreiben. Ok? Merci.







