Sicherheit vs. Vernunft in Jerusalem

Ein Mann steht vor der Klagemauer in Jerusalem. Plötzlich ruft er «Allahu Akbar!» Er greift in seine Hosentasche. Sekunden später ist er tot. Niedergestreckt von mehreren Schüssen eines Sicherheitsmannes. Der hatte geglaubt, in diesem Mann einen Selbstmordattentäter zu sehen.

Wie hätte der Sicherheitsmann handeln sollen? Anscheinend rufen Selbstmordattentäter vor dem Zünden ihrer Sprengstoffgürtel tatsächlich «Gott ist gross!» Und es ist auch gut möglich, dass sie einen Zünder in einer Hosen- oder Jackentasche haben. War es demzufolge richtig, dass der Wachmann geschossen und den Mann damit auf der Stelle getötet hat? Schüsse auf die Beine hätten den Mann vielleicht nicht getötet, aber eine Bombe hätte er dann noch immer zünden können.

Doch: Der Mann war unbewaffnet und hat nichts getan, ausser zwei Wörter zu schreien. Rechtfertigt das tatsächlich eine Erschiessung? Jeder Muezzin ruft diese Worte täglich mehrmals. Auch in Jerusalem.

Die Klagemauer ist einer der heiligsten Orte der jüdischen Glaubensgemeinschaft. Gerade dort müsste doch das Personal besonders gut geschult sein. Wie man liest, sei der Mann zuvor schon mit speziellem Verhalten aufgefallen. Unter anderem habe der Jude behauptet, er sei zum Islam konvertiert. Doch der Wachmann kannte ihn wohl nicht. Anscheinend war er für einen Kollegen eingesprungen.

Es ist offensichtlich, der Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma hat hier eindeutig überreagiert. Doch vielleicht kann das fatale Ende des möglicherweise verwirrten Mannes als Beispiel dafür dienen, was passiert, wenn man Sicherheit über alles stellt. Wird man so paranoid, dass man hinter jedem sich etwas seltsam verhaltenden Menschen einen Attentäter wittert, kann es schon mal ein paar Tote als Kollateralschaden geben. Der vorliegende Fall hat auch in Israel selbst einige Wellen geschlagen, wohl weil das Opfer eben gerade nicht muslimisch, sondern jüdisch war. Vergisst man vor lauter Sicherheitsmassnahmen die vernünftige Anwendung derselben? Wird das Leben am Ende dadurch sogar unsicherer? Wenn man sich diesen Fall anschaut, kann man durchaus zu diesem Schluss kommen.

Welt.de

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